Blitzkrieg - Eine neue Strategie

Der Begriff “Blitzkrieg”
Bei einem Blitzkrieg handelt es sich um die konsequente Weiterentwicklung des ursprünglichen Stosstrupp-Gedankens aus dem 1. Weltkrieg. „Stosstrupp“ ist jedoch ein Begriff der unteren taktischen Ebene und bezieht sich i.d.R. auf Kompanieebene, während „Blitzkrieg“ als ein Begriff für den modernen Bewegungskrieg entstanden ist.

Unter Blitzkrieg versteht man den konzentrierten Einsatz von Panzerwaffe und Luftwaffe, um den Gegner durch Überraschung und Schnelligkeit zu verwirren und ihn nach erfolgtem Durchbruch mit weiträumigen Vorstössen zu umfassen. Ziel ist die rasche Niederwerfung des Gegners in einer entscheidenden Operation. (Karl-Heinz Frieser)

Ziele des Blitzkriegs-Gedankens
Aussenpolitisches Ziel:

Den jeweiligen Gegner isolieren und damit den Konflikt lokal zu begrenzen.

Vermeidung eines langwierigen, kräfteverzehrenden Mehrfrontenkrieges

Innenpolitisches Ziel:

Wirtschaftliches Ziel:

Militärisches Ziel:

Entwicklung des Blitzkriegs-Konzeptes
Die Doktrin des Blitzkriegs entstand aus der Entschlossenheit, den aussichtslosen, blutigen Grabenkrieg nicht mehr zu wiederholen. Es war ein erfolgreicher Versuch, die Beweglichkeit auf dem Schlachtfeld wiederherzustellen, als die Waffentechnologie die taktischen Lehren überholt hatte. Die Gelegenheit hatte sich durch die Einführung des Verbrennungsmotors auf und über dem Schlachtfeld ergeben, die das Bewegungspotential des Soldaten radikal erweitert hatte.

Von den westlichen Demokratien wurde die Doktrin zwischen den zwei Weltkriegen trotz einiger Ansätze nicht weiter verfolgt, weil sie nicht im Einklang mit der damaligen Auffassung stand.

Die Jahre 1939-42 zeigten, dass die Wehrmacht ein Konzept entwickelt hatte, das die anderen Armeen ihren infanteristisch orientierten Plänen nicht zu begegnen vermochten. Die Alliierten, die aus ihren früheren Katastrophen gelernt hatten, übernahmen dieses Konzept teilweise zum Ende des Krieges.

Der Blitzkrieg ist keine Keule, sondern die schmale Klinge des Degens. Armeen, die an der Clausewitzschen Idee geschult waren, das Ziel des Krieges sei es, den Feind durch Zerstörung seiner Verteidigungsmittel - nämlich seiner Streitkräfte - zu vernichten, tendierten natürlich zur Keule. Um die Niederlage des Gegners sicherzustellen, schien es diesen Armeen notwendig, am entscheidenden Punkt überlegene Kräfte, also einen grösseren Aufwand an Menschen und Material, zum Einsatz zu bringen. Douhet, LiddelI Hart und andere erkannten demgegenüber, dass der Sieg auch auf eine andere, wirtschaftlichere Art - nämlich durch die Zerstörung des feindlichen Kampfwillens - erreicht werden könne.

Ziel des Blitzkriegs ist die psychologische Dislozierung des Gegners. Man zielt auf das Gehirn- und Nervenzentrum des Gegners und versucht nicht etwa, seine Glieder ausser Aktion zu setzen, indem man sie durch Anwendung brutaler Kraft einzeln zerstört.

Damit eine Blitzkriegoperation Erfolg hat, muss aber das Ziel erreichbar sein. Das bedeutet nicht nur, dass man anfangs genug Material hat, sondern auch, dass man in der Lage sein muss, die Operation logistisch zu unterstützen. Einer der Hauptgründe, warum der ursprünglich auch für den Russlandfeldzug angedachte Blitzkrieg dort scheiterte, ist darin zu sehen, dass Hitlers Ziel über die Kräfte der deutschen Wehrmacht, so wie sie 1941 ausgerüstet und strukturiert war, hinausging. Auch den Alliierten gelang 1944 kein Blitzsieg, weil sie nicht in der Lage waren, ihren Vormarsch logistisch zu unterstützen.

Wenn das Unternehmen einmal gestartet ist, muss sein Schwung um jeden Preis aufrechterhalten werden. Der Feind darf nie wieder ins Gleichgewicht kommen. Eine Pause durch Erschöpfung, Mangel an Vorräten oder unerwartete Entwicklungen darf es nicht geben. Mit anderen Worten, auf allen Kommandoebenen muss das Hauptziel rücksichtslos verfolgt werden. Obwohl feindliche Stützpunkte durch die führenden Truppen zu umgehen sind, damit der Angriffsschwung nicht gebremst wird, müssen solche Stützpunkte, welche die Operationen auf der Vormarschachse bedrohen, entweder schnell bereinigt oder abgesperrt werden. Wenn das nicht gelingt, entstehen kritische Situationen. Die Deutschen standen immer vor dem Dilemma, dass ihre mechanisierten Streitkräfte viel beweglicher waren als die nachfolgenden Truppen. Aus diesem Grund mussten sie oft vor grösseren Verteidigungsstellungen anhalten, bis die Infanteriedivisionen nachgerückt waren und die gegnerischen Stellungen gesäubert hatten.

Ein wesentliches Element des Blitzkrieges ist, dass man gleich zu Beginn die Luftüberlegenheit gewinnt. Die Methode der Luftwaffe, die generischen Luftstreitkräfte gleich am Boden zu vernichten, ist dabei die offensichtlich ökonomischste. Das bedeutet zugleich, dass die Masse der Luftwaffe schon bald zur Unterstützung der Kämpfe am Boden zur Verfügung steht. Ihre Hauptaufgabe ist dabei die der Sperre. Durch Angriffe auf die feindlichen Nachschublinien, Befehls- und Kontrollzentren sowie seine Reserve wird die psychologische Dislozierung des Gegners verstärkt. Die enge Unterstützung in der Gestalt von Tieffliegerangriffen auf feindliche Stellungen (Jabos, Stukas, Schlachtflugzeuge) im mittelbaren Kampfraum spielt nur eine sekundäre Rolle, sie kann aber sehr zur Beweglichkeit des Angreifers auf dem Schlachtfeld beitragen.

Die Doktrin des Blitzkrieges ist heute zu einem festen Bestandteil der Militärwissenschaft geworden. Die Alliierten haben am Ende des Zweiten Weltkrieges aus den Erfahrungen gelernt und viele Bestandteile der Blitzkriegstrategie übernommen. Konsequent angewendet wurde der Blitzkriegsgedanken beispielsweise in den Nahostkriegen von der israelischen Armee oder auch im Golfkrieg gegen den Irak.

Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert , Militärhistorischer Arbeitskreis, RK Ratingen