
Das Unternehmen Barbarossa am Beispiel der Heeresgruppe Nord an der Ostfront

Soldaten der 121. InfDiv nach den Angriffen aus dem Pogostje-Kessel nördlich von Tschudowo.
Die Reservistenkameradschaft Ratingen führte im RK Heim der RK Ratingen für Reservisten, Aktive und Gäste eine militärhistorische Fortbildung durch zum Thema „Der Russlandfeldzug – Nordabschnitt – Das Unternehmen Barbarossa am Beispiel der Operationen der Heeresgruppe Nord an der Ostfront“. Ralph W. Göhlert, der militärhistorische Experte der RK Ratingen, zeigte mittels Beamer, Laptop Computer und Videotechnik den Zuhörern die Abläufe des Unternehmens Barbarossa an der Ostfront in zeitlich geraffter Weise vor. Beginnend mit dem Angriff (am 22.6.1941) des deutschen Heeres mit etwa drei Millionen deutschen Soldaten (3.580 Panzer und Sturmgeschütze) auf die Sowjetunion begann einer der größten Vernichtungskriege der Weltgeschichte.
Der Dozent verstand es, die Hintergründe dieses Krieges darzustellen: Das ursprüngliche Ziel Hitlers, Lebensraum im Osten zu erobern und diesen dann rücksichtslos zu “germanisieren”. Göhlert erläuterte, dass drei deutsche Heeresgruppen mit insgesamt 152 Divisionen (rund 75% des deutschen Feldheeres) auf einer Frontlinie vom Nordmeer bis zum Kaukasus in die Tiefe des russischen Raumes vordrangen.
Bereits am 26.6. hatte die Panzergruppe 4 der Heeresgruppe Nord Dünaburg eingenommen und begonnen, auf dem östlichen Düna-Ufer Brückenköpfe zu errichten. Am 4.7. erreichten die deutschen Truppen Ostrow und am 14.7. die Luga. Am 16.8. wurde Nowgorod erreicht und schwenkte auf Leningrad ein.
Die Finnen, die das Unternehmen „Barbarossa“ unterstützten, stoppten ihren Vormarsch and den Verteidigungsanlagen von Leningrad und hatten nunmehr das im Winterkrieg von 1939/40 verlorene Terrain bis zur karelischen Landenge zurückgewonnen. Am 1.9.1941 waren die Verbände der Heeresgruppe Nord so nahe an Leningrad herangekommen, dass sie die Beschießung der Stadt aufnehmen konnten. Das OKH drängte jetzt auf eine finnische Offensive im Norden, damit die über den Wolchow-Fluss vordringenden deutschen Truppen sich mit den finnischen Kräften vereinigen konnten.
Am Ilmensee wurde drei russische Schützenarmeen vernichtet; Schlüsselburg, der östliche Sperrriegel Leningrads, wurde am 8.9.1941 genommen. Aber nun befiel Hitler Unsicherheit, angesichts der Frage, was mit der Millionenbevölkerung Leningrads geschehen sollte, wenn die Stadt fiel. Er beschloss, die Riesenstadt nicht zu nehmen, sondern einzuschließen, obwohl der russische Widerstand vor dem Zusammenbruch stand. Leningrad wurde belagert und das Hauptaugenmerk gen Moskau gewandt.
Die deutsche Öffentlichkeit wurde mit Siegesmeldungen überschüttet. Dann jedoch kam die Schlammperiode ab Ende Oktober und der Wintereinbruch. Ohne Winterbekleidung für die Truppe und ohne Frostschutzmittel für die Motoren ließ der Elan nach. Der schon zum Greifen nah geglaubte Sieg rückte wieder in weite Ferne.
Anfang Dezember 1941 bestimmte Hitler Leningrad zum vordringlichsten Ziel, das mit Unterstützung eines Teils der Heeresgruppe Mitte erreicht werden sollte, sobald diese Smolensk erreicht hatte. Die Situation verlangte im Frühjahr 1942 zunächst die Bereinigung der russischen Einbruchstellen am Wolchow südöstlich von Leningrad, wo die 2. sowjetische Stossarmee des Generals Wlassow und Teile der 52. und 59. sowjetischen Schützenarmee die deutsche Einschließungsfront vor Leningrad bedrohten. Schließlich wurde im Februar 1942 die 2. sowjetische Stossarmee vernichtet und Wlassow geriet in deutsche Gefangenschaft.
Dieses „militärische Unternehmen der Superlative“ führte ab 1943 mit dem schrittweisen Zusammenbruch der deutschen Ostfront zum Ende des Reiches, so Göhlert. Trotz schwerer Kämpfe konnte der Nordabschnitt mit einigen „Frontbereinigungen“ bis Januar 1944 relativ stabil gehalten werden - die Hoffnung auf eine Eroberung Leningrads und das weitere Vordringen über den Wolchow waren jedoch zerstreut. Nach heftigen russischen Angriffen zog sich die gesamte Heeresgruppe Nord aus dem Gebiet östlich des Peipus-Sees zurück, weil sie von der Einschließung durch den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte bedroht war.
Am 1.3.1944 erreichten die russischen Truppen die Narwa. Nach Schukows erfolgreicher Offensive gegen die Heeresgruppe Mitte drohte er nun, den Rückzugsweg der Heeresgruppe Nord abzuschneiden und sie im Baltikum einzukesseln.
Guderian, seit 1944 Generalstabschef, versuchte vergeblich, Hitler von dieser Gefahr zu überzeugen. So kam es, dass die sowjetische 3. Weißrussische Front Wilna einnahm. Nachdem die 1. Baltische Front auf Memel und Riga vorgestoßen war, wurde die Heeresgruppe Nord tatsächlich von der Heeresgruppe Mitte abgetrennt und ihr der Rückzugsweg abgeschnitten. Ende September war sie auf die Halbinsel Kurland zurückgedrängt; sie blieb dort bis Kriegende eingeschlossen. Lediglicht einige ihrer Einheiten konnten auf dem Seeweg gerettet werden. Am 15. Oktober 1944 fiel Riga - die Heeresgruppe Nord hatte aufgehört zu existieren.
In knapp 1 ½ Stunden hatte es der Referent geschafft, eine unrühmliche Epoche des vergangenen Jahrhunderts für alle Zuhörer aus militärischer und taktischer Sicht verständlich darzustellen und dabei auch an das Leid der Bevölkerung und der Soldaten zu erinnern. Als Ehrengast konnte Ralph W. Göhlert Oberst Pauland begrüßen, der direkt von der Kommandeurstagung in Koblenz zur Veranstaltung anreiste.
Hauptmann d.R. Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert, Militärhistorischer
Arbeitskreis RK Ratingen
Robert Neber, Pressebeauftragter, VdRBw
Für weitere Informationen zum Russlandfeldzug unten klicken!:
Schlacht bei Kursk (5. - 13. Juli 1943
Information:
Über das Schicksal
des verschollenen
Franz Mauel

