Der Westwall

Vom Denkmalwert des Unerfreulichen

Höckerlinie bei Bickerath
Bild oben: Fünfzügige Höckerlinie des Westwalls bei Bickerath / Hürtgenwald
Foto: R. Göhlert


Die noch erhaltenen Relikte des Westwalles, der in früheren Zeiten einmal Deutschland vor seinen westlichen Nachbarn schützen sollte, können noch heute in vielen Grenzgebieten zu Frankreich begangen werden. Dieses Festungswerk wurde bei seiner Erbauung in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg als unbezwingbares Grenzbollwerk propagandistisch hochstilisiert. Dieser Vortrag sollte zeigen, dass der Westwall oder die Siegfriedlinie, wie ihn die Westalliierten nannten, seine ursprünglich vorgesehene Funktion nie erreichen sollte. Selbst gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich die Westfront auf die deutschen Grenzen zurück bewegte, war der vielgepriesene Westwall nur noch ein architektonisches Relikt aus der Vorzeit, ein zahnloser Drachen, der oftmals nicht einmal mehr verteidigt werden konnte.

Deutschland durfte nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg laut Versailler Vertrag keine Festungen linksrheinisch besitzen – die vorhandenen Befestigungen wurden von den Alliierten geschleift. Im Gegensatz hierzu entwickelte sich ein Festungsdenken der europäischen Staaten, das seine Wurzeln in den Erfahrungen des Stellungskrieges und der Stahlgewitter des Ersten Weltkrieges hatte. Die französische Maginotlinie beispielsweise war Ausdruck des französischen Schutzbedürfnisses gegenüber Deutschland und als Defensivmaßnahme unter hohen Kosten realisiert. Weitere europäische Grenzbefestigungen kamen hinzu, wie beispielsweise die unter französischer Leitung gebauten Befestigungslinien in der Tschechoslowakei.

Mit der Wiedererlangung der Wehrhoheit 1935 nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland und der Wiederbesetzung des entmilitarisierten Rheinlandes 1936 erfolgte der erste Schritt in Richtung einer deutschen Westbefestigung.

Die Ziele des Westwalls waren vielschichtig: Innenpolitisch diente er zur Stärkung des Nationalsozialismus durch Arbeitsbeschaffung und wurde als Beweis der Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft unter dem NS Regime benutzt.

Die außenpolitischen bzw. militärischen Ziele liegen auf der Hand: Der Westwall wurde der Welt präsentiert als unüberwindbarer Schutzwall aus Beton und Eisen. Er sollte der aggressiven Außenpolitik Hitlers als Rückendeckung für die letzten Vorkriegsjahre und insbesondere während des Polenfeldzuges dienen. Ein Zweifrontenkrieg sollte so auf jeden Fall vermieden werden. Gegenüber Frankreich war er gedacht als Bedrohungsinstrument, aber auch als Beweis des deutschen Verständigungswillens („Friedensgrenze“).

Der in keiner Weise funktionsfähige Westwall war praktisch allein durch seinen Mythos, zu dem ihn die NS-Propaganda verholfen hatte, in der Lage, die militärischen Operationen der westalliierten Streitkräfte nach Hitlers Überfall auf Polen und der englisch-französischen Kriegserklärung an Deutschland zu beeinflussen. Den wesentlichen Teil seiner Stärke erlangte der Westwall dadurch,  wie das Dritte Reich in Schrift, Ton und Bild über ihn berichten ließ.

Die Geschichte des Westwalls begann bereits, bevor es konkrete Pläne von seinem Aufbau gab. Hitler trommelte seit der Machtergreifung gegen die französische Maginotlinie, weil Deutschland zu dieser Zeit dem französischen Festungssystem zur Sicherung der deutschen Grenze zum Westen hin nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte.

Zunächst oblag die Bauausführung des Westwalls der Verantwortlichkeit der Festungspioniere. Im Oktober 1935 wurden für seine Realisierung 15 Jahre  veranschlagt. Aufgrund einer politischen Entscheidung Hitlers übernahm die Organisation Todt (OT) im Mai 1938 die Arbeiten. Seit diesem Zeitpunkt standen taktische Forderungen der Wehrmacht im Konflikt mit dem Druck zahlenmäßiger Bauerfolge. Grosse Hindernisbauten, wie Panzerhindernisse, Wassergräben und kilometerlange Höckerhindernisse wurden der OT als Rekordergebnisse zugeschrieben, während die Innen-, Kommunikationseinrichtungen und die Bewaffnung den Festungspionieren überlassen wurden. Der Westwall wurde in einer Rekordzeit von etwa 15 Monaten bis 1939 fertiggestellt. Die etwa 9.800 Werke des Westwalls bestanden im wesentlichen aus 5.800 Unterständen für Infanterie, Artillerie (60%), 2.300 Kampfanlagen wie B-Werken, MG-Scharten, Pak-Geschützständen (23%) sowie 1.700 Beobachter, Gefechts-, Sanitäts-, Munitions- und Versorgungsständen (17%). Dazu kam eine hunderte von Kilometern lange Panzersperre von der belgischen bis zur Schweizer Grenze. Die meisten dieser Betonhöckerhindernisse waren fünfzügig, was gegen Panzer bis 36 Tonnen Gewicht sicher sein sollte. Diese Bauwerke können noch heute in vielen Grenzabschnitten begangen werden. Auf drei Längsfundamenten verlaufen Quermauern mit je 5 Höckern. Auf dem östlichen Längsfundament befindet sich zwischen zwei Quermauern nochmals ein Höcker.

Die eingebauten Bunker des Westwalls waren reine Zweckbauten und wurden nach Regelbauzeichnungen errichtet. So konnten Tausende von einzelnen Typen hergestellt werden. Neue Regelbauten von 1938 waren mit Wand- und Deckenstärken von 2,5 – 3,5 m trugen den Artilleriegeschützen jener Zeit Rechnung.

Der Westwall erfüllte in den Jahren 1939 / 1940, insbesondere aber im sog. Sitzkrieg propagandistisch voll seine Aufgabe. Zu dieser Zeit wurde Eröffnung von Feindseligkeiten an der Westgrenze dem Gegner überlassen - rein defensiv bleiben hieß die Devise. Das ebenfalls defensive Maginot-Denken der Franzosen verhinderte einen französischen Angriff auf den dünn besetzten Westwall. Für die deutsche Seite wäre in diesem Falle eine äußerst riskante Lage entstanden – wahrscheinlich wäre durch einen Durchbruch der Polenfeldzug im Keim erstickt worden.

Nach dem Westfeldzug hatte der Westwall die ihm gestellte Aufgabe erfüllt und wurde desarmiert. Sämtliche leichte und schwere Waffen wurden ausgebaut und zum neu entstehenden Atlantikwall verbracht. Er lag daraufhin brach und verkam.

Erst im August 1944 kam der Befehl zur Rearmierung des Westwalls. Die Bunker waren teilweise veraltet und unbrauchbar für neue, schwerere  Waffen. Der Mythos des Westwalls durch NS-Propaganda beeinflusste so nachhaltig auch die militärischen Entscheidungen der Amerikaner, dass selbst General Eisenhower seine Wirkung  überschätzte und vor dem Westwall halt machen ließ, um Verstärkungen nachzuziehen. Die zur Verteidigung des Westwalls vorgesehenen deutschen Truppen trafen oft gleichzeitig mit den vorrückenden Amerikanern ein. Eine effektive Verteidigungswirkung musste daher ausbleiben.

Als die Amerikaner die deutsche Grenze am 12.9.44 überschritten, erfolgte jedoch kein Frontalangriff auf breiter Front, sondern man versuchte, mit der sog. „Knabbertaktik“ Stück für Stück den Westwall zu durchbrechen. Die Befestigungsanlagen wurden Stück für Stück durch schwere Pionierwaffen, schweres Räumgerät und direktem Beschuss geknackt. Erfolgreiche Verteidigung durch die deutsche Seite erfolgte nur dort, wo Geländehindernisse und Unterstützung durch eigenes Feuer stattfand (z.B. Raffelsbrand).

Zusammenfassend kann über den Westwall wie auch über andere Befestigungswerke jener Zeit gesagt werden, dass überholte Vorstellungen von der defensiven Bedeutung von betonierten Festungsbauten die Funktion scheitern ließen. Nur eine Überbewertung des Westwalls durch Propaganda konnte kurzzeitig zum Erfolg führen. Der Westwall war aber bereits 1940 ohne Funktion mit lediglich musealem Charakter. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Vergeudung von Material und Arbeitskraft beim Bau dieses Werkes steht in keinem Verhältnis zu seiner militärischen Bedeutung. Diese Befestigung war 1944 völlig wertlos, weil sie ohne Armierung, Konzept, Wartung und geschulte Besatzungen von mechanisierten alliierten Truppen durchbrochen wurde. Der Ausspruch von Moltke hat sich wieder voll bewahrheitet, dass die Festungen ihre volle Bedeutung erst in Verbindung mit dem Operationsheer erlangten. Man kann nur hoffen, dass die zunehmend vom Abreißen bedrohten Bauwerke, die den Krieg unbeschadet überstanden haben, durch Weitsicht der betreffenden Gemeinden den kommenden Generationen als Erinnerung und Mahnmal erhalten bleiben.

Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert, Militärhistorischer Arbeitskreis, RK Ratingen